Im Extrem leben Juni 2021
Liebe Schwestern und Brüder
Die Ruhe der letzten Monate war trügerisch. Vielleicht bin ich einer schönen Illusion erlegen. Vor einer Woche noch dachte ich erleichtert: «Sie sind anders geworden, sie haben es verstanden; wir können diese Arbeit bald aus unserer Agenda streichen.»
Aber ich bin nun unterwegs im Auto, um meine Illusion von der bitteren Realität zerstören zu lassen. Blutrache! Es hat uns wieder eingeholt. Ich bin unterwegs zu einer Familie mit sieben halbwüchsigen Kindern. Seit 10 Tagen «stehen sie unter dem Blut». Und die gesamte männliche Verwandtschaft. Der Vater hat einen jungen Mann auf der Strasse erschossen. Der Sohn einer Mutter, der gerächt werden muss!
Und die Eingesperrten haben nichts mehr zu essen und baten über Mittelsleute um Lebensmittel. Das Unglücksrad dreht sich wieder. Mir ist schon den ganzen Tag etwas mulmig in der Magengegend. Ich weiss schon länger, dass ich dort hingehen werde. Und es hat sich auch bei mir nichts geändert: immer noch bin ich angespannt, immer noch bin ich am Ordnen und Orten meiner Gefühle, die sich einpendeln müssen, damit ich auch fair mit der Familie, die jetzt Opfer ist, umgehen kann. Immerhin hat der Vater einen jungen Mann erschossen. Motiv: «Beleidigung auf der Strasse und Streit und Schlägerei mit einem der Söhne, ständige Belästigung vor dem Haus.» Ich bin in einem Haus eines Mörders und alle rechtfertigen hier die Heldentat des Vaters und gleichzeitig hocken da vor mir jetzt dann Opfer von Blutrache. Ich weiss, dass der Rest der Familie nun den Kopf für den Vater hinhalten muss.
So fahre ich los. Schwester Michaela gibt mir noch den Segen. Unterwegs bete ich den Rosenkranz. Was sollte ich auch anderes tun, als die Hilfe des Himmels herbeirufen. Die Familie weiss nicht, dass ich komme. Ein Mitarbeiter fährt mit seinem Auto vor, er weiss, wo die Familie in einem anderen Teil von Shkodra wohnt. Wir vereinbaren unseren Treffpunkt an der Kiri-Brücke. Ich warte auf ihn und gucke ins ausgetrocknete, wilde Flussbett der Kiri. Wie viele Regimegegner wurden hier am Fluss erschossen und eingegraben. Der Fluss ist ihr Grab geworden. Dann kommt Niko. Wir vereinbaren, dass er gleich weiterfährt, nicht wartet. Diesen Gang muss ich alleine machen, da wir nicht wissen, wie die Rächerfamilie reagieren wird und ich den Mitarbeiter nirgends mit reinziehen möchte. Es ist uns beiden klar, dass die Buschtrommeln gut funktionieren und es im Nu bekannt ist, dass ich diese Familie, die unter dem Bann des Blutes steht, besucht habe. Erstmal fahre ich hinter Niko her durch das Dorf. Schlaglöcher sind zu umfahren. Dann biegen wir ab Richtung Nord-Ost in die Hügel. Es ist idyllisch, dass es fast weh tut: direkt vor mir grüne Hügel, der Ginster blüht noch überall. Im Bach fliesst noch Wasser vom vergangenen Gewitter, im Bachbett wachsen Mohrkolben. Ein leichter Wind im Olivenhain säuselt eigentlich die Botschaft vom Frieden. Eine Frau in albanischer Bauerntracht weidet ihre Kuh auf der Wiese, ein paar Jungs sind auf der Jagd nach Fröschen. Es ist schön hier, die Westler würden sagen: ein unberührtes Biotop. Nicht mal der sonst allgegenwärtige Müll ist hier zu sehen. Auch Corona scheint hier weit weg gewesen zu sein. Dann ruft mich Niko, der immer so 100 Meter vor mir fährt an und sagt, dass nun links das kleine Haus «das ist, nach dem ich suche». Er fragt noch vorsichtig, ob er nicht doch irgendwo in den Büschen auf mich warten soll. Ich verneine und sage ihm, dass ich mich melde, sobald ich wieder daheim bin. Ich parke das Auto – wie immer bei solchen Besuchen - in «Abfahrtsstellung». Man könnte auch sagen: in Fluchtrichtung» bemerke ich bei mir selber und grinse mir selber zu. Die Haustüre des kleinen Hauses mit Flachdach ist keine 10 Meter vom öffentlichen Weg entfernt. Die wackelige Gartentür ist auf, der Haus-hund schlägt sofort an, als ich das Holzgatter in die Hand nehme. Vorsichtshalber bleibe ich an der Strasse und rufe den Namen der Frau. Es dauert etwas, dann schaut sie aus der Türe. Ich sage, wer ich bin und ob ich eintreten darf. Sie sagt sofort JA. Mir wird das Sofa angeboten und ich nehme Platz. Etwas stockend beginnt das Gespräch. Dann kommen drei jugendliche total hübsche Mädchen, die Töchter. Als ich nach den Söhnen frage, sagt mir die Mutter, dass alle zwei Tage nach der Tat, also vor einer Woche abgehauen sind. Wo sie sind, sagt sie mir nicht. Sie sagt, sie wisse es nicht. Mir ist klar, dass sie mir dies beim Erstbesuch nicht sagt, sie aber sicher weiss, wo ihre drei Söhne sind. Ein anderer Sohn ist seit vier Jahren im Ausland. Um den hat sie erstmal keine Angst, meint sie. Der Mann ist im Gefängnis in Untersuchungshaft.
Sie zeigt sofort auf die Fenster und sagt: «Wir sind schutzlos, wir haben keine Gitter und von der Strasse aus kann man uns beim Essen hier erschiessen.» Sie weiss zwar, dass Mädchen nicht ihr Blut geben müssen, aber die Angst ist trotzdem da. Der Vater ist im Gefängnis. Andere haben für ihn ausgesagt, dass er sozusagen keine Schuld hat, dass er zum Schiessen gezwungen wurde. Viele Gründe im Kanun sprechen für dieses Recht auf Tötung. So versucht mir die Frau zu erklären. Ich erreiche wenigstens, dass sie einsieht, dass es ein grosser Fehler war, da jetzt die gesamte Familie unversorgt ist. Der Vater war Alleinverdiener als Tagelöhner auf dem Bau in Montenegro. Die kleinste Tochter mit 15 Jahren ist traumatisiert. Sie hat die Bluttat vor dem Haus gesehen. Sie kommt nicht klar und schläft nicht mehr. Auch hat sie grosse Angst um ihre Brüder. Wie sie mit dem Vater, der geschossen hat zurecht-kommt, das ist eine ganz andere Frage. Die Situation ist prekär. Zur psychischen Stress-situation kommt nun auch die wirtschaftliche prekäre Lage. Sie waren vorher schon arm. Der Rechtsanwalt wird Unmengen verschlingen, es ist fraglich, ob die Mädchen weiter in die Schule gehen können. Die Mutter sagt, dass die Jungs bei Freunden untergekommen sind, aber sie dort sicher nicht lange bleiben können. Ich vermute, dass die drei Brüder versuchen, irgendwie ins Ausland zu kommen. Für die illegale Ausreise brauchen sie viel, viel Geld. Ich bringe erstmal Lebensmittel und Hygieneartikel. Bislang war noch niemand bei ihnen. «Keiner, keine!» sagen sie und gucken ins Leere. Verzweiflung, diese schreckliche Verzweiflung der nun Isolierten und auf die Kugel Wartenden liegt in der schwülen Luft des kleinen Hauses, auf dem nun der Fluch des Blutes liegt. Die Isolation ist wohl das Schlimmste. Das spüren sie jetzt, obwohl es auf der anderen Seite in diesem Fall heisst, dass das gesamte Dorf eigentlich ganz froh ist, dass der Störenfried nicht mehr unter ihnen ist. Es geht nach der alten Tradition einfach nicht, dass ein Junge «daneben» ist, soziale Probleme hat und provoziert mit einem Motorrad, das er halt vor dem Haus immer wieder rasant aufbrausen liess.
In diesen Sekunden fällt mir absurderweise ein, dass nun viele ausländische Touristen hier im Lande sind, weil es so viel wie keine Corona-Massnahmen mehr gibt, die das Leben einschränken und isolieren. Sie geniessen die Freiheit in Albanien. Es zerreisst mich fast, so absurd finde ich die Situation. Aber ich bin dann gleich wieder präsent und frage nach der Familie des Opfers. Da ist nur noch die Mutter. Der Vater des Ermordeten starb schon lange. Der Bruder ist viel älter und lebt im Ausland. Er kam direkt nach dem Mord und lehnt jedes Zeichen der Entschuldigung ab. Er lehnte die Zulassung eines Familienmitgliedes des Täters zur Teilnahme an der Beerdigung kategorisch ab. Dies ist nach dem Kanun ein Zeichen der «Nicht-Versöhnung». Er hat den gesandten Männern den Eintritt ins Haus nicht erlaubt, sondern ausrichten lassen, dass es keine Chance auf «Besa» und auf Versöhnung gibt. Ich frage vorsichtig an, ob ich den Kontakt zur Familie des nun potentiellen Rächers herstellen kann. Die Mutter nickt. Wir vereinbaren jedoch, dass ich noch etwas warte; der Sohn wurde erst begraben. Da die Familie katholisch ist, frage ich sie, ob sie einen Rosenkranz haben möchten. Sie nehmen diesen gerne und ich bitte sie, für ihre Situation zu beten. Sie nicken irgendwie erleichtert, überhaupt was tun zu können. Dann lasse ich meine Handynummer bei ihnen. Sie sind auch darüber froh. Isolation und Ächtung müssen irgendwie durchbrochen werden. Ich werde wiederkommen.

Kaum einige Stunden daheim steht da unser Lushi vor der Tür. Um die Hand hat er ein Tuch gewickelt, das vom Blut getränkt ist. Ein Hund, der sich von der Kette losgerissen hat, hat ihm ein Stück vom linken Daumen einfach abgebissen. Lushi ist aufgebracht, weil der Hausherr sich nicht um die Sicherheit seines Hundes gekümmert hat. Er schwört Rache – blutige Rache. Seine tiefe Bisswunde interessiert ihn nicht. Ich rufe Schwester Michaela und wir machen die Notversorgung. Es fehlt ein Stück vom Daumen und der Knochen guckt raus. Lushi will nicht ins Krankenhaus, lieber sterben. Und er will sich den Herrn des Hundes vorknöpfen. Nach dem Kanun zahlt der schwer und wieder droht Lushi, weil er auch meint, der Nachbar habe den Hund auf ihn gehetzt. Wieder taucht das Gespenst der Blutrache auf und irgendwie reicht es mir. Wir schaffen es, den Gebissenen zu beruhigen und Leci, unser Mitarbeiter, begleitet ihn ins Krankenhaus. Innerhalb von einer Stunde werde ich jedoch fünfmal angerufen, weil unser Patient abhauen will. Leider kommt noch ein weiterer schwerer Notfall und Lushi muss einige Stunden warten, bis der Operationssaal frei wird. Unser Mitarbeiter ruft aus einer Kneipe an, in der er mit dem Alkoholkranken Lushi zum Raki trinken gegangen ist – zum Überbrücken. Und Leci meint, dass sein Patient ganz gut drauf ist. Nach einer Stunde kommt ein Anruf, dass Lushi verschwunden ist. Seitdem hocken wir auf Kohlen. Ich bin sofort ins Livade, um mit den Leuten zu reden, damit Lushi nicht eine Dummheit macht und Rache nimmt. Sie versprechen, aufzupassen und sich zu melden und die Angelegenheit mit dem Hund mit den Ältesten und Lushi gut zu regeln. Und ich hoffe, dass der Verletzte doch noch bei uns vorbeikommt. Er blutet stark und braucht dringend einen Verbandswechsel.
So wird es hier langsam Sommer und der blaue Lavendel in unserem Garten blüht bereits. Wenn der Wind wie eine Welle über die Lavendelfelder weht und sich am Horizont mit dem Himmel verbindet, ist es fast nostalgisch und in diesen Momenten weiss ich, dass ich dieses Land mit seinen Menschen mit all seiner Schroffheit und seiner Wildheit liebe. Und ich bin dankbar, dass wir hier sein dürfen.
Euch allen, die Ihr uns so treu unterstützt, so dass wir hier sein können, danke ich von Herzen. Und wir alle vom Klösterle wünschen Euch einen guten, von Gott gesegneten Sommer.
Mit herzlichem Gruss Sr. Christina