Armut Ende Januar 2022
Liebe Schwestern und Brüder
Wenn der Januar bald an den Februar die Zeit weitergibt, möchte ich Euch allen erstmal noch ein gutes Jahr 2022 wünschen. Ja, gute Tage, erfüllte Tage, gelebte Tage.
Wir haben seit dem Adventskalender wieder viel erlebt und ich möchte ein wenig mitteilen. Zuerst danke ich für all Eure Rückmeldungen und Euer Mitgehen mit uns. Eure Solidarität ist uns Ansporn und Rückenwind.
Wir alle hier waren ab dem Heilig Abend immer abwechslungsweise mit Grippe im Bett. Letzte Woche hatte Abraham dann nochmal Covid, aber es verlief Gott sei Dank leicht. Er erkrankte zum zweiten Mal. Seine Psyche ist zum Glück stabil und er hat wieder hohe Resilienz gezeigt im Umgang mit Isolation und allem Drumrum um Covid. Nun wird er im Februar 15 Jahre alt und er ist recht selbständig – trotz Rolli. Jetzt ist es kalt geworden und die Armen betteln immer wieder Decken und Heizmaterial. Schwierig ist es bei Stromaus-fällen. Auch wir im Kloster ziehen uns dann an den offenen Kamin zurück zum Aufwärmen. Leider ist der etwas falsch gebaut und wir müssen immer Türe oder ein Fenster offenlassen, sonst räuchert es uns ein, denn der Rauch geht rein statt zum Kamin raus.
Anfangs Januar haben uns Sr. Gratias mit Pater Andreas und Bruder Christian zu einem Exerzitientag in Fushe Arrez empfangen und alle Mitarbeiter des Kindergartens waren mit dabei. Es war ein guter Tag und wir wurden dort total verwöhnt.
Immer wieder befasse ich mich mit dem Thema ARMUT. Ich suche immer wieder nach Beschreibungen, nach dem Erfassen der Bedeutung dessen, was wir immer wieder sagen: Armut, Armsein, es ist ein Armer. Nun habe ich seit letzter Woche dieses Wort «ARM» in meinem Knochenmark – so habe ich das Gefühl. Ich habe bis anhin viel erlebt und auch viel gesehen – aber dieses toppt nun alles bisherige. Ein Erlebnis sitzt dazu in mir: und es ist ein Bild, das ich nicht mehr vergessen werde.
«Eine alte Frau und Mutter ihres schwer verletzten Sohnes zeigt mir beim Erstbesuch eine Wasserflasche, in der ein ca. 7 cm langer Knochen ist. Sie guckt mich treuherzig an und sagt: Kannst du ihn wieder einsetzen? – und sie guckt auf das Bein ihres Sohnes.»
Was ist passiert? Ich wurde von einer jungen Frau per Email aus der Emigration ange-schrieben. Sie schickt mir schlimme Bilder ihres verunfallten Bruders, mit der Bitte, ihm zu helfen. Auf den Bildern sehen wir zwei zermatschte Unterschenkel, die Knochen stehen frei raus. Die Oberschenkel sind offene Gewebewunden. Dann fahren wir hin. Der junge verunfallte Mann lebt in Durres und befindet sich nicht im Krankenhaus. Das wissen wir. Zwei Stunden Fahrt. Sr. Michaela fährt, Donata kommt auch mit. Wir packen alles ein, was wir für die Versorgung benötigen könnten. Vorher basteln wir zwei Stunden noch eine Beinschiene aus Pappe. Der Vater holt uns an der Strasse ab. Das Wohnviertel sind halb fertige Häuser, teilweise noch im Rohbau. Das Haus, in dem diese Familie wohnt, ist zwar einigermassen fertig gebaut, aber nicht isoliert und schwer zugänglich. In dieser Gegend stranden arme Leute aus den Dörfern ganz im Süden. Dann wartet die alte Mutter auf uns. Sie hat Tränen in den Augen und ist er-schüttert, weil jemand kommt. Dann führen sie uns ins Wohnzimmer, wo der Kranke liegt.
Ich schlucke, mein Blick streift kurz Sr. Michaela. Ich sehe, dass Donata erstmal weiter hinten stehen bleibt. Sie weiss, was sie sich zumuten kann. Edison ist 33 Jahre alt. Er wurde im Juni 2021 von einem betrunkenen Polizisten angefahren, liegen gelassen. Dann das erste Krankenhaus, dann das Zweite. Dann hat sich die Sippe des Polizisten eingeschaltet, die in einer Privatklinik einen Platz reserviert hatte. Dort wurde dann Edison und seinen Eltern zugesagt, dass er in einer Woche ohne Amputation auf den Füssen sein werde. Die Familie des Unfallverursachers versprach auch, alles zu bezahlen, wenn vom Opfer ein Deklarat unterschrieben wird, dass man das Strafmass wegen der grossen Fürsorge der Sippe doch mindern möchte. Dies hat die Familie von Edison unterschrieben. Nach zwei fehlgegangenen Operationen hat sich die Sippe jedoch verabschiedet und die Eltern mit dem Sohn mit einem Haufen Schulden allein gelassen. Edison musste dann im September aus der Privatklinik, weil der Vater kein Geld mehr aufgetrieben hat. Er wurde einfach mit den zertrümmerten Beinen und mit den offenen Wunden an den Oberschenkeln nach Hause geschickt. Wir finden Edison in einem sehr miserablen Allgemeinzustand. Seine Augen sind tief in schwarzen Augenhöhlen. Er liegt bis zum Gesäss im Wundwasser und im Eiter und Blut. Die arme Mutter kommt nicht nach mit Wechseln und jede Bewegung bedeutet für den jungen Mann eine Tortour ohnegleichen. Er hat einmal am Tag 10 Tropfen Tramadol gegen die Schmerzen verordnet bekommen – am Abend zum Schlafen. Es klingt immer noch wie Hohn in meinen Ohren, als er dies erzählt. Die Wunden an den Oberschenkel sind durch die Hautentnahme entstanden und nie abgeheilt. Sie sind inzwischen stark infiziert. Die Unterschenkel sind zertrümmert, das Transplantat ist schief gegangen. «Leider Krankenhaus-Keime» sagte die Klinik. Die Füsse wurden nie richtig gelagert. Uns glotzen zwei Spitzfüsse an, die irreversibel deformiert sind.

Ein Krankenpfleger kommt zwischendurch und reisst ihm dann die Verbände runter, dass er schreit, wie Edison selber sagt. Der Pfleger verlangt für seine Arbeit von 8 bis 10 Stunden im Monat einen gesamten Monatslohn. Der Vater sagt kläglich, dass er nun nicht mehr bezahlen konnte. Mir läuft es kalt den Rücken runter. Auch im Zimmer ist es kalt. Der kleine Heizer kommt nicht gegen die kalten unisolierten Aussenwände an. Eine Ecke im Zimmer ist bereits schwarz vor Schimmel. Ein Eisengestell steht am Fenster. Der Vater erklärt, dass sie dieses Gestell über das Bett von Edison stellen, wenn er seine Notdurft verrichten muss. Dann hieven die Eltern ihn mit dem Oberkörper hoch, er hängt dort wie am Reck und verrichtet dann die Notdurft. Sr. Michaela schluckt jetzt und guckt mich an. In diesem Moment kommt die Mutter und zeigt mir die Flasche mit dem Knochen. Dieses Stück vom Schienbein ist drei Tage vor unserem Besuch bei dem Hebemanöver aus dem Knochen auf den Boden gefallen. Die verzweifelte Mutter hat ihn aufgehoben und hofft, dass ihr Sohn eines Tages wieder laufen kann – mit dem von ihr geretteten Knochenstück.
Ich hoffe, dies war nicht zu viel für Euch. Wir möchten niemanden zu viel zumuten. Wir sind dabei, für Edison wenigstens das Überleben zu sichern. Es ist klar, dass amputiert werden muss. Wir suchen eine Klinik, die ihn übernimmt. Eine interdisziplinäre Zusammenarbeit ist hier nicht üblich. Es ist auch nicht üblich, einen Patienten zu übernehmen, der in einer anderen Klinik war und nun so aussieht. Wir haben aber ein Wunder erlebt: eine Unfallklinik in Bayern hat uns unkompliziert und unbürokratisch beraten. Dies tut gut – mehr als wir sagen können. Und ein Paket zur Wundversorgung ist von dort zu uns unterwegs.
Arm!! Hier sieht man keine Hungerbäuche. Das wäre einfacher – vielleicht! Diese Armut ist anders:  Mehr und anders als Hunger und kein Geld und Schulden: tiefer- in alle Lebens-bereiche hinein. Die Wasserflasche mit dem Knochen drin, die die Mutter mir gibt zum anflicken. Sie symbolisiert es für mich. Und ich frage mich auch, ob der Verlust des ethisch-moralischen Bewusstseins von all jenen, die an diesem Schicksal verdienen, die die Schwächsten ausbeuten und so elend liegen lassen, nicht letztlich die grössere Armut ist. Edison hat sich eines erhalten: er konnte weinen, er konnte umarmen, er hat sein Herz behalten. An Rache denkt er nicht.
Und wie in der Luft schon dezent der Frühling riecht, so hoffen wir, dass Edison seine Lebensgeister zurückbekommen kann.
Wir tun alles, was uns nur möglich ist. Gott möge uns die Kreativität geben, die wir dazu brauchen.

Wir wünschen Euch allen eine gute gesegnete Zeit
Eure Sr. Christina